WVP – Wohlverhaltensperiode
Auszug aus dem Arbeitsmanuskript
Uwe Heinemann · 9. März 2026
I. Der Zugriff
Ich liege angespannt im Bett des hinteren der zwei Zimmer. Zählt man das Vorzimmer mit, sind es drei. In der Mitte der drei Zimmer steht ein kleiner Holzofen, den ich selbst installiert habe. Ich habe ihn jetzt nicht befeuert. Dazu hätte ich in den kalten Keller gehen und Holz herauftragen müssen. Womöglich wäre ich ihm dann unten begegnet.
Es ist kurz vor zehn Uhr morgens. Die Nacht war unruhig, und ich hatte einen Albtraum. Als ich aufwachte, wusste ich nicht sogleich, ob ich mich noch in einem Traum befinde oder in der kalten Wirklichkeit.
Kalendermäßiger Frühlingsbeginn. Die Sonne ist aufgegangen, doch Wolken ziehen vor ihr her. Ich dagegen verberge mich unter der Decke. Zu spät, um noch im Bett liegen zu können, ist es nicht. Unter der Bettdecke ist es warm. Und dunkel. Die Decke habe ich über den Kopf gezogen. Nicht weil der Kopf Bettwärme benötigt. Die Dunkelheit vor meinen Lidern gibt mir ein Gefühl der Sicherheit.
Verdrehte Welt. Nicht die Wolken ziehen an mir vorüber, sondern der anstehende Termin bringt Finsternis, die sich jetzt schon kalt anfühlt.
Ich läge ebenso im Bett, wenn die Sonne das Zimmer erhellen und mit passiver Wärme aufheizen würde. Und Kälte wird mir womöglich gleich entgegentreten – in Form eines Vertreters des richterlichen Vollzugs. Er hat sich schon lange angekündigt. Mit ihm eine für mich unangenehme Aufforderung. Eine Aufforderung, die mein Leben in eine nicht vorhersehbare Richtung lenkt. Eine Zäsur.
Ich hätte es vielleicht verhindern können. Doch zu welchem Preis? Und ich fühlte mich nicht schuldig. Doch um Schuld geht es bei diesem Termin.
Es ist zehn Uhr am Morgen. Normalerweise habe ich um diese Zeit schon gefrühstückt. Ich verschiebe es auf die Zeit nach dem anstehenden Termin. Mein Magen fühlt sich jetzt verkrampft an, und den Kaffee würde ich nicht genießen können.
Zwischen der Sprechanlage mit eingebauter Klingel und meinem Schlafzimmer ist eine Zimmertür, die ich bewusst geschlossen habe, um nicht zu hören, wenn die Klingel sich mit schrillem Ton meldet. Eigentlich Blödsinn. Ich will einfach nichts hören, nichts sehen, nichts spüren.
Mein Körper zieht sich zusammen, sobald ich nur daran denken muss, dass womöglich der schrille Ton durch die Zimmer der verschlossenen Türen seinen Weg sucht.
Und doch ist mir bewusst, dass es unumkehrbar ist.
Statt ihm aufzuschließen, könnte ich ihn ausschließen. Doch er kann Zugriff bekommen – mit Unterstützung der Ordnungsmacht. Dann nicht nur mit Brief und Siegel. Mit dem Vorschlaghammer.
Er hat sich formal mit Schreiben angekündigt. Mit Brief und Siegel. Mit Datum und Uhrzeit.
Was erwartet mich?
Ein unbekannter Mensch. Beauftragt vom Amtsgericht mit einem Titel. Es geht um meine Schuld oder um Versäumnisse.
Ich wohne ganz oben im Dachgeschoss. Um zu mir zu gelangen, muss er vier Stockwerke überwinden.
Plötzlich.
Es klingelt.
Schleichend steige ich aus dem Bett und gehe zur Sprechanlage.
„Gerichtsvollzieher“, klingt es durch die Hörmuschel – verzerrt, aber doch eindringlich.
Den Namen habe ich nicht verstanden. Dafür war der Titel zu deutlich zu hören.
Durch meinen noch gewärmten Körper geht ein Zucken. Zittern weicht der Schlaffheit. Ich spüre, wie sich auf meiner Stirn Schweißperlen bilden. Meine Blase meldet sich plötzlich mit Druck.
Drücke ich?
Ich zögere, atme ein und aus.
Ich drücke.
Ich zähle in Gedanken die Stufen durch, die er hochschreiten muss. Schritte, die ich nachher gedanklich ebenso gehen muss, wenn ich seinen Worten oder Weisungen lausche.
Hier geht es jetzt um meine Notdurft.
Wie viele Stufen bleiben mir Zeit für die Toilette? Wie viel Zeit für Hose und Pullover?
Die Socken. Ich finde sie nicht.
Ich höre die immer lauter werdenden Trittschritte des Mannes. Er muss sich jetzt auf dem vorletzten Podest befinden. Gleich kommt das Klopfen an meiner dünnen Holzhaustür. Kein Klingelknopf. Auch kein Namensschild ist angebracht.
Es klopft.
Eine scharfe, männliche Stimme durchdringt die Tür.
Erstarrt und benommen stehe ich vor der nur vier Zentimeter starken Tür. Meine Stimme bringt keinen Laut hervor. Starr und stumm wie das Holz zwischen uns.
Nun ein lautes „Hallo“.
Dumpf hallt es zu mir. Einschüchternd.
Nichts ist vertraut.
Vollzug, kommt mir durch den Sinn.
Ich betätige den Türdrücker.
II. Offenbarung
Ein kurzes Händeschütteln. Ein kurzer gegenseitiger Blick in die Augen. Kräftig wirkt sein Händedruck. Wir auf gleicher Augenhöhe. Noch.
Jung und dynamisch wirkt er. Kaum über vierzig. Durch die Tür hat er sich suchend in der bescheiden eingerichteten Wohnung umgeschaut. Es ist ihm wohl nichts Wertbeständiges aufgefallen, das er eventuell an sich reißen könnte.
Ich nehme wahr, dass er sich einen Platz sucht, um sich zu setzen. Ich komme ihm zuvor und biete ihm einen Platz am Tisch an, der im Vorzimmer meines Schlafzimmers steht und in den er kurz hineingeschielt hat.
Er hat eine Aktentasche aus braunem, abgestoßenem Leder dabei, die er neben sich auf den blanken Holzboden stellt.
„Sie wissen, worum es geht?“, fragt er mich.
Warum diese Frage?, geht es mir durch den Kopf. Vielleicht, weil ich betreten wirke? Ich fühle mich gerade klein, ehrfürchtig und ängstlich – ungeahnt, was folgen wird.
Dann greift seine rechte Hand in die Aktentasche, in der sich Dokumente befinden, die ich mit schielendem Blick erspähe.
Unvermittelt holt er eines dieser Dokumente hervor und legt es auf den Tisch. Noch ist es zu ihm gerichtet, so dass ich die Schrift umgekehrt vor Augen habe.
Nur die Überschrift kann ich entziffern.
Sie ragt mit großen, fettgedruckten Zeichen hervor: „Eidesstattliche Erklärung“.
Früher Offenbarungseid. Heute Vermögensauskunft. Nichts anderes, als dass ich unter Eid versichere, dass ich zahlungsunfähig bin.
Er fragt mich, ob und wie viel Bargeld ich in meinem Geldbeutel habe und ob er einen Blick hineinwerfen könne. Mehr Demütigung geht nicht, dachte ich.
Dann noch die nachgeschobene Frage, ob ich irgendwelche Einkünfte habe. Er dachte ernsthaft, dass ich als Autor arbeite und irgendwelche Verträge mit Verlagen habe.
Ich verneinte.
Bevor er sich angekündigt hatte, fühlte ich mich als der Betrogene. Betrogen von der Gesellschaft, betrogen vom Kapitalismus.
Und nun fühle ich mich ausgeliefert, in Begleitung tiefer Scham.
Wie konnte mir das alles passieren?
Er schiebt mir das Papier zu und dreht es so, dass ich es lesen kann. Dann folgen erklärende und belehrende Worte zu jedem Satz auf diesem Blatt. Und was eine Unterschrift von mir unten mit Datum für Auswirkungen auf die weitere Zukunft hat, die für mich gerade nicht sichtbar ist.
Ich könne auch die Kleinbeträge auslösen und ihm in bar gegen Quittung geben.
Ich verneinte das.
Einfach schnell unterschreiben, damit er endlich geht – dieser Mann in lässiger Kleidung und gutem Schuhwerk.
Er schiebt mir einen Kugelschreiber zu.
Wie werde ich mich nach der Unterschrift fühlen?
Ich nehme den schwarzen Stift zur Hand. Er fühlt sich feucht und glatt an. Schwitzen meine Hände? Nicht nur.
Ein Blitzgedanke kommt mir.
Ich füge dem Dokument einen Kommentar hinzu. Eine Randnotiz. Eine Freiheit, die ich mir nehme und setze.
Als ich den Stift zu einer freien Stelle ansetze, während der Gerichtsvollzieher seinen Blick aufmerksam auf die Spitze des Kugelschreibers richtet, kommt aus seinem Mund ein ermahnender Satz: Die Unterschrift genüge, ich solle keine Kommentierungen hinzufügen.
Doch ich spüre den Drang, mir eine Freiheit zu nehmen, einen Stich auf die andere Seite zu setzen.
Mit nun entkrampfter Hand schreibe ich, dass ich mich als Betrugsopfer eines Kreditinstitutes fühle.
Innerlich spüre ich in diesem Moment eine Kraft in mir. Nicht alles mir zu unterwerfen. Nicht alles mir gefallen zu lassen.
Dann folgt meine Unterschrift in vollen Buchstaben, mit Ort und Datum.
Der Gesichtsausdruck des Gerichtsvollziehers zeigt einen gewissen Unmut über meine Ausführung.
Er nimmt das Dokument nun zu sich und gibt mir den abgetrennten Durchschlag in die Hand.
Er klappt die Aktentasche zu. Das Leder knarzt leise.
Ein kurzes Klack – der Verschluss der Aktentasche schnappt ein.
Er wirkt zufrieden. Wohl wegen des Vollzugs. Auftrag erledigt.
Es ist nicht mehr zurückzunehmen. Endgültig.
Wortlos steht er auf.
Es gibt nichts mehr zu tun.
Er reicht mir die Hand.
Ich begleite ihn zur Tür.
Als er über die Schwelle tritt und ich die Tür hinter ihm schließe, spüre ich Erleichterung.
Er ist fort.
Ich höre seine Schritte auf der Holztreppe. Erst laut, dann immer leiser.
Dann nichts mehr.
Der Vollzug liegt nun hinter mir.
III. Schuld
Nachdem ich die eidesstattliche Versicherung gegengezeichnet habe, hat sich die Schuld gewandelt.
Bis dahin war sie eine Last, die ich vor mir herschob. Etwas Ungeordnetes, Diffuses.
Jetzt empfinde ich eine Art Befreiung.
Ich schiebe die Schuld weder vor mir her noch hinter mir her. Sie liegt nicht mehr auf mir.
Die ursprüngliche Schuld ist eingetauscht worden.
Gegen ein Stück Papier.
Ich habe bisher keinen der Gläubiger gekannt. Keinen je zu Gesicht bekommen.
Die Schuld war für mich abstrakt.
Belastend waren einzig die Mahnungen und Zahlungsaufforderungen.
Die Zahlen dahinter verstand ich nicht – wie sie zustande kamen, wie sie sich zusammensetzten. Und sie wuchsen weiter.
Viele der Schreiben habe ich irgendwann nicht mehr geöffnet.
Einerseits war das entlastend. Andererseits auch belastend, weil ich nicht wusste, was sich in den ungeöffneten Umschlägen verbarg.
All dieses Unwissen – und auch das Abblocken, das Nichtöffnen der Post – entfällt mit einem Male.
Mit diesem einen Papier der Offenbarung.
Nun habe ich es in der Hand.
Nicht nur das Papier.
Zum ersten Mal liegt die Schuld nicht mehr irgendwo außerhalb meines Blicks, diffus und nicht greifbar, verteilt auf geöffnete und ungeöffnete Briefe, ohne Zusammenhang, ohne Zuordnung.
Sie liegt vor mir.
Auf wenigen Seiten der eidesstattlichen Versicherung.
In einer Ordnung, die nun nachvollziehbar ist.
Traut man den Zahlen.
Die Namen der Gläubiger stehen untereinander. Die Beträge daneben. Jeder Posten hat seinen Platz.
Die Schuld ist nicht mehr eine Last, die ich vor mir herschiebe.
Sie ist zu einer Liste geworden.
Auf diesem Papier stehen Zahlen.
Endgültige Zahlen, geordnet nach ihren Trägern.
Ich kann mir nicht erklären, warum ich nicht schon früher versucht habe, die Schuld zu erkennen.
Vielleicht habe ich sie auch nicht akzeptiert und eher verneint.
Ihr den Rücken gekehrt.
Vielleicht wollte ich auch den Trägern der Schuld, den Gläubigern oder Kreditoren, kein Gesicht geben.
Wie ein Autofahrer einen anderen Autofahrer anhupen kann, ohne ihm ins Gesicht zu sehen.
Wie sehen mich die anderen, die verschiedene Bezeichnungen tragen?
Nur als Titel?
Als einen, gegen den sie einen Vollstreckungstitel erwirkt haben?
Was, wenn alles nur ein Spiel ist?
Gibt es darin Spieler und Gegenspieler – oder Täter und Opfer?
Wer hat welche Rolle inne?
Ich habe mich entschlossen, in ein geordnetes Verfahren zu gehen.
Ein Rollentausch.
Ich spüre innerlich, wie ich Haltung gewinne. Wie mein Buckel sich aufrichtet nach den Gedankenspielen und vor einem anstehenden Wendepunkt.
Diesen habe ich bereits eingeleitet.
Passiv und aktiv.