Der Bläuling

02.02.2026 · Uwe Heinemann

Der Bläuling erinnerte sich an eine Kugel, aus der alles entstanden war. Sie war verbunden mit dem Klee, dem Wiesenknopf, dem Tau, der Sonne, den Käfern und mit allem Leben auf der ganzen Welt, sogar mit dem Meer, das ein- und ausatmete, und mit dem Glanz des Mondlichts.

Vor allem erinnerte er sich an jenen Moment, in dem er sich hatte fallen lassen, ohne zu wissen, wohin.

Er erinnerte sich an das Getragenwerden bis zum Ameisenhaufen und an die warme Geborgenheit dort drinnen, umsorgt und verwöhnt von den Ameisen. Dann kam diese Schwere über ihn, dieses Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Er liebte die Ameisen und sein Leben als Larve, aber das Verlangen nach einem Kokon wurde unwiderstehlich.

Er erinnerte sich an die Zeit als Puppe und an die Träume, die er hatte. Er träumte von einem warmen Sommerwind. Im Traum sah er die Wiese von oben. Seltsam. Als Larve war sie ihm vorgekommen wie ein Wald, er selbst in den Wipfeln des Wiesenknopfes, der im Wind schunkelte.

Er träumte von Wesen, die unter der Erde wohnten und ihren Kindern aus einer Familienchronik vorlasen, wenn endlich das Mondlicht in ihre Höhlen hinunterfloss, so dass sie die Buchstaben erkennen konnten.

Er wusste nicht, was „Eltern“ sind, hatte nie davon gehört, aber im Traum erschienen ihm geflügelte Wesen. Sie waren ihm vertraut, und er fühlte sich wie eines von ihnen. Sie schenkten ihm das Vertrauen, dass am Ende alles gut werden würde.

Und dann war er entpuppt.

Entlassen aus dem wärmenden Kokon entfachten Luftströme seine Flügel. Seine Fühler streckten sich zum Himmel, als wiesen sie ihm den Weg. Als der Wind vergaß zu blasen, schlug er die Flügel auf und zu, als hätte er es schon immer gekonnt. Immer schneller, bis sie ihn trugen.

Dieser Text ist Teil eines entstehenden Buchprojekts und erscheint hier zunächst ohne Illustrationen.

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