Seit seiner Kindheit stand der Schrank in seinem Zimmer. Ein Geschenk des Vaters. Noch heute kennt er das Knarren der Türen. Mit diesem Geräusch kehrt die Stimme seines Vaters zurück. Lange war sie verstummt. Erst als ein Dritter den Schrank in Gegenwart des Vaters erwähnte, kam Bewegung in das Schweigen. Dankbarkeit und Freude zeigten sich, als der Schrank am Tisch zur Sprache kam. Die Türen standen einen Spalt offen. Licht drang ins Innere. Die Runde löste sich in Entspannung auf. Verklebte Scharniere gaben nach, Stimmen fanden wieder Bewegung. Niemand am Tisch bemerkte sein Fehlen. Es war kein Platz frei. Am nächsten Tag war es still um den Aussiedlerhof. Beide Brüder gehen wie üblich der gleichen Arbeit nach. Sie sind Landwirte im Nebenerwerb. Der eine Bruder, der zwei Kinder mit einer Frau aus der Ukraine hat und mit ihr verheiratet ist, wirkt entspannter. Er schien gut geschlafen zu haben nach der denkwürdigen Runde mit seinem Vater. Nach so vielen Jahren des Bruderkonfliktes und den Vater gegen sich, hat er nun das Gefühl, dass sich etwas verschoben hat. Der Schrank stand dagegen weiter an der gleichen Stelle. Unverrückt. Doch die Türen haben sich ein Spalt geöffnet. Licht drang in die Dunkelheit. Es suchte seinen Platz.
Der andere Bruder war noch ahnungslos. Er hatte mit seiner Frau ein Kind im gleichen Alter, wie der Sohn seines Bruders. Manchmal durften die Kinder beider Familien miteinander spielen. Nicht immer. Aus Argwohn zwischen den Vätern erwuchs Argwohn zwischen den Kindern beider Familien, ohne das sie es wollten. Sie konnten sich durch die gegenüberliegende Kinderzimmerfenster sehen, sich mit Taschenlampen einander Lichtsignale geben. Vo weitem muss es ausgesehen haben wie Morsezeichen, die alles sein konnten. Das naheliegende Dorf ist klein. Wenig Menschen leben dort. Man kennt sich einander. Sie mussten Lichtsignale deuten als vielleicht rhythmisch geordnetes Signal wie z.B. SOS. Es gibt noch eine kleine Schwester, die den Schrank, wie ihr Bruder, jeden Tag zu Gesicht bekommt. Denn der Schrank dient auch oder vor Allem als Raumteiler, weil er so groß und wuchtig ist. Die Mutter leidet an Wahnvorstellungen, so wird im Dorf gemunkelt. Ob sie das selbst so sieht? Und wer trägt dieses Gemunkel weiter?
Der Vater befand, dass der Schrank nicht mehr im hellen Kinderzimmer stehen sollte, auch wenn er den Dienst als Raumteiler auf Grund seiner Breite und Höhe damit erfüllte. Dass er nach soviel Jahren der Standhaftigkeit im Kinderzimmer nun seinen Ort wechseln soll, ist keine Frage. Auch im Anblick, dass es im Haus nicht so viel Platz für ihn gibt. Dazu müsste Raum geschaffen werden. Der Vater hatte die Idee des Zwischenbaus, das beide Häuser der Brüder voneinander trennte. Dieser Zwischenbau sollte früher ein gemeinsamer Demeter laden der beiden Büder werden. Nun ist er juristisch geteilt streng nach Raummeter. Ein großes Rolltor über die gesamte Breite des Zwischenbaus scheint diese Trennung von außen nicht zu zeigen. Nur wenn man durch die kleinen Lichtschlitze des Rolltores durchblickte, fiel sichtbar die Trennung der Einrichtungen auf, weil sie nicht zusammen zu passen schienen, weder in Ihrer Funktion, noch Material noch in der Art. Was mal ein gemeinsamer Laden werden sollte mit einer Einheit und gemeinsamen Ziel der Inhaber, ist nun ein Ort für zwei Ordnungssysteme geworden.